Ein Ashram in Westfalen

Mein persönlicher Bericht zur Entdeckung des größten Ashrams außerhalb von Indien im Teutoburger Wald. Ein Text über Demografischen Wandel, die Lust am Landleben und Perspektiven für den Ländlichen Raum – erscheint in der kommenden Ausgabe der Stadtaspekte #3, Thema Glauben, und ist online hier veröffentlicht.

Text und Fotos von Karin Hartmann

Ein Ashram in Westfalen

Während Großstädte stetig wachsen, verlieren Kleinstädte an Bevölkerung. In der Kurstadt Bad Meinberg im Teutoburger Wald hat sich eine Initiative das Ziel gesetzt, mit dem Label »Yogastadt« Sinnsuchende aus den Großstädten anzuziehen.

Allee heißt die Einkaufsstraße in der Innenstadt von Bad Meinberg. Sie führt zentral in den Kurpark auf das Heiligtum der Stadt zu, einen kleinen Brunnentempel. Die Zeichen einer einst florierenden, stolzen Bäderstadt mit vielen Gästen sind noch gut zu erkennen. Das Staatsbad mit 4.600 Einwohnern liegt beschaulich am Rande des Teutoburger Waldes in der Stadt Horn-Bad Meinberg. Seit 1767 Kurort, erlebte Bad Meinberg sein letztes Hoch 1992 mit 38.000 Kurgästen. Dann kam die Strukturreform im Gesundheitswesen und mit ihr eine Verringerung der Gästezahlen um 70 Prozent. Jetzt ist Downsizing angesagt. Die Not ist spürbar: die Einwohnerzahl ist rückläufig, die Bevölkerung überaltert, die Infrastruktur löst sich mehr und mehr auf. Mindestens drei umgenutzte Apotheken, dazu Hotels, Cafés und Läden stehen leer. Das ehemalige Kino ist mittlerweile abgerissen.

Christoph Harrach ist begeistert: »Das gute Wasser, die reine Luft, zudem die Stille, Langsamkeit und Dunkelheit in der Nacht – das sind hohe ökologische Werte, die es in der Großstadt nicht gibt.« Der Trendforscher ist Mitinitiator und treibende Kraft einer Initiative, die sich dafür einsetzt, Bad Meinberg zu einer »Yogastadt« zu entwickeln. Dafür ist der Gründer von KarmaKonsum, einem Portal für »gesunde und nachhaltige Lebensstile«, und Vorreiter der LOHAS (»Lifestyles of Health and Sustainability«) im vergangenen Jahr mit seiner Familie von der Frankfurter Innenstadt in die ostwestfälisch-lippische Provinz gezogen. Der Umzug war für ihn selbstverständlich: »Bad Meinberg bietet uns ein sehr schönes Wohnumfeld. Wir haben hier eine hohe Lebensqualität und sind eingebunden in eine aktive Wertegemeinschaft.« Von einer Kurstadt zur Yogastadt – kann das gut gehen?

Der Verdacht bestätigt sich

Durch Zufall verbringe ich ein Wochenende zur Erholung in Bad Meinberg. In einem Kurhotel habe ich eine ayurvedische Massage gebucht. Eine freundliche Mittfünfzigerin erzählt mir von einem Yoga-Seminarhaus ganz in der Nähe. Es sei sehr groß, erzählt sie, vielleicht das größte Europas. Nur etwa einen Kilometer entfernt. Einige Bürger von Bad Meinberg fänden schon, dass es dort »etwas speziell« zuginge. Nein, nein, sie selbst überhaupt nicht. Nach zehn Minuten Fußmarsch stehe ich schließlich selbst vor dem Haus Yoga Vidya. Ein riesiger, abgetreppter 80er-Jahre-Bau, selbstbewusst am Rand der Stadt platziert. Ein Gebäude der Angstarchitektur, oder aus dem Bausünden-Quartett. An der gestreiften Waschbeton-Klinker-Fassade mit Betonblumenkästen ist ein Mandala mit dem Namen des Hauses angebracht, das ein bisschen aussieht wie selbstgemalt. Eine witzige Geste angesichts der monströs-massiven Architektur.

In der Lobby vibriert die Luft. Es herrscht eine geschäftige Atmosphäre. An der Rezeption stehen vorwiegend Frauen mit Kindern, Rollkoffern und Stoffbeuteln in einer Schlange. Eine untersetzte Schwäbin fragt nach den Hausregeln. Unter einer gemalten Szene aus der Baghavad Gita, einer der zentralen Schriften des Hinduismus, laden ausgedehnte Sofas zum Entspannen ein. Die zwei jungen Frauen in Sindbadhosen sehen merkwürdig klein darauf aus. Ein junger Mann mit Dreadlocks und Bart erinnert mich an Siddharta. Ständig kommen neue, bequem angezogene Menschen in die Lobby, unterhalten sich leise in verschiedenen Sprachen und wählen ihren Weg in einen der langen Flure zu den Seminarräumen. Und immer wieder leuchtet es in signalgelb, der Logofarbe von Yoga Vidya, von Taschen, T-Shirts und Wänden. Ein Blick in einen vollbesetzten Yogasaal bestätigt meinen Verdacht: Dies ist kein Yoga-Seminarhaus.

Hier geht es nicht um Gymnastik und darum, sich in Wohlfühl-Atmosphäre gegen Geld zu entspannen. Dies ist ein Ashram. Ein Haus mit einem eigenen Takt, mit einem schlagenden Herzen. Belebt von einer Gemeinschaft, die entlang eines wiederkehrenden Tagesablaufs gemeinsam ein spirituelles Leben führt, in das sich der Aspirant einordnen muss. Dieses riesige Haus hat mehr mit einem Kloster gemeinsam als mit einem Wochenend-Escape. Wären wir in Rishikesh, würde sich niemand wundern. Aber wir sind in Westfalen-Lippe, Land des Herrmanns, im einzigen Staatsbad von Nordrhein-Westfalen.

Im Haupthaus, Chakrapyramide genannt, ist jedem Geschoss ein Energiezentrum, genanntChakra, zugeordnet. Im alten Schwimmbad prallen die ehemalige Kurnutzung und der Alltag im Ashram aufeinander. Wo früher die Bäderkur stattfand, stehen heute an gekachelten Wänden Regale über Regale, mit Meditationskissen befüllt. Darüber hängen Bilder einiger spiritueller Führer, darunter Swami Sivananda und Jesus. Hier, im größten Saal des Hauses, findet auch jeden Samstag der Satsang statt, die heilige Messe der Yogis. Gemeinsame Meditation, Gesang und Geschichten, abgeschlossen durch einen Imbiss, stärken die Gemeinschaft und bieten Gelegenheit zum Austausch.

»Hier war einfach alles perfekt«, erklärt Sukadev Volker Bretz, der Gründer von Yoga Vidya, warum die Wahl für das Yoga-Zentrum auf Bad Meinberg fiel. »Die Lage des Hauses am Rand der Stadt, die Tatsache, dass Bad Meinberg eine Kurstadt ist und uns die Bevölkerung und alle Beteiligten sehr willkommen geheißen haben. Wo sonst kann man einfach in ein Restaurant gehen und sagen ›Ich hätte gerne eine Pizza ohne Käse und ein heißes Wasser‹ und der Kellner bringt das einfach, ohne mit der Wimper zu zucken?«  Bretz hat hier innerhalb von zehn Jahren das größte Yoga-Seminarhaus außerhalb Indiens aufgebaut. Bereits 1992 erkannte er seinen Auftrag, Yoga einem breiteren Publikum zu vermitteln und sah drei große Seminarhäuser für 1000 Gäste bildlich vor sich. Mit dem Erwerb der drei Kurkliniken in Bad Meinberg ist diese Vision Realität geworden. Der gebürtige Rheinland-Pfälzer vereint in sich eine tiefe Spiritualität mit einem ausgeprägten betriebswirtschaftlichen Talent. Als Spross einer Unternehmerfamilie machte er bereits mit 17 Abitur und schloss mit zwanzig Jahren sein BWL-Studium ab. Doch dann widmete er sein Leben gänzlich dem Yoga und kam über die Jahre mit vielen Yogameistern zusammen, darunter auch sein spiritueller Lehrer Swami Vishnudevananda. Mit ihm lebte er einige Jahre in verschiedenen Teilen der Welt in Ashrams und anderen Gemeinschaften zusammen.

Zumba-Detmold und Bodyjump-Lemgo?

RoseklinikParkklinikWaldklinik – nun ChakrapyramideKailashHaus Shanti. Wie reagiert die Bevölkerung auf das Ufo Yoga Vidya, das erst vor zehn Jahren in der Stadt landete und nun das Profil der Stadt prägen will? Nach einer Umfrage der Lippischen Landeszeitung zum Namenszusatz Yogastadt halten 66,6 % diesen für reine Geld- und Zeitverschwendung. »Wie lächerlich! Yoga hin oder her, das ist eine Sportart wie jede andere auch. Demnächst gibt es dann noch Zumba-Detmold und Bodyjump-Lemgo, oder wie?!« empört sich etwa Leser Heiko auf der Webseite der Lippischen Landeszeitung.

Im Rathaus treffe ich mich mit dem Beigeordneten Matthias Engel. Auf seinem Schreibtisch liegt ›Peace Food‹, der missionarische Veganismus-Klassiker des esoterischen Arztes und Psychotherapeuten Rüdiger Dahlke. Mit dem Bürgermeister, der selbst seit 20 Jahren Vegetarier ist, tausche er gern mal solche interessanten Bücher aus, erklärt Engel. Aha. Mich interessiert vor allem die Reaktion der Bevölkerung auf die Yogabewegung. Heikos Kommentar lässt mir keine Ruhe.

Aber es fällt kein abfälliges Wort, kein Kleinstadtmuff ist spürbar, stattdessen der Stolz eines Stadtbeamten aus dem Bergischen, der eine feurige Rede zum Glauben an seine Stadt hält und dabei Christoph Harrach bei seinem indischen Namen Ramdas nennt; der als Christ Yoga als ein Mittel zum friedlichen Zusammenleben verteidigt: »Wir wollen die Grundlage dafür schaffen, dass alle hier zufrieden leben können. Und zwar so, wie es ihre Lebensauffassung ihnen sagt. Wenn mein Nachbar Yoga machen möchte, egal in welcher Spielart, dann mache ich das möglich. Meine eigene Lebensfreude entspringt daraus, dass sich mein Nachbar so entwickeln kann, wie er möchte.« Wow. Wo kann ich diese Droge kaufen? Oder ist das etwa doch das gute Wasser und die gute Luft?

Auch im Gespräch mit Einheimischen und Neubürgern, Ladenbesitzern und dem Leiter des Stadtmarketings, den ich zufällig kennenlerne, bleibt der erwartete Gegenwind aus. Obwohl hier Welten aufeinander prallen, kommt es scheinbar nicht zum Konflikt. Die Yoga-Bewegung ist offen, man sieht sich, und wird gesehen – beim Taizé-Singen, auf dem Schützenfest oder in der Kirche. Sukadev Volker Bretz grenzt sich klar ab von den eher geschlossenen spirituellen Bewegungen der 70er und 80er Jahre, Osho und Hare Krishna. »Zum einen ist es wichtig, dass man mit seinem Umfeld in Harmonie zusammenlebt, zum anderen wollen die Mitarbeiter selbst auch in einer Umgebung sein, in der sie sich wohl fühlen, Bekannte finden können, und zwar auch außerhalb des Ashrams.« Lachend fügt er hinzu: »Das wäre ja fast eine Art spiritueller Inzest, wenn wir nur unter uns blieben.« Er befürwortet auch, dass sich weitere Yoga-Häuser mit anderen Ausrichtungen im Ort ansiedeln und das Spektrum erweitern.

»Keiner macht Remmi-Demmi«

Vom Nebeneinanderleben zum Zusammenwachsen, ist das hier wirklich möglich? Der gleiche Takt und das Interesse an gesundheitlichen Themen verbinden. Die Suche nach Genesung, ausgewogener Ernährung und alternativen Heilmaßnahmen schaffen Gemeinsamkeiten zwischen Yogis, Kurgästen und Touristen: »Das harmoniert alles sehr gut. Die Stadt ist relativ ruhig, keiner macht Remmi-Demmi, nicht die Yogaleute und nicht die älteren Kurgäste, die vor allem wandern und Fahrrad fahren wollen«, sagt Sukadev Volker Bretz. Christoph Harrach ordnet die Yoga-Bewegung in Bad Meinberg sogar in einen größeren Zusammenhang ein. Von der Initiative ›Yogastadt‹ verspricht er sich, den Boden zu bereiten für ein gutes, einfaches Leben, von dem sich die LOHAS angezogen fühlen. Er berichtet von der Sehnsucht der Städter, ein weniger denaturiertes Leben zu führen: »Ich kenne viele urbane Avantgardisten, die im Prenzlauer Berg wohnen, im Hamburger Schanzenviertel oder im Frankfurter Nordend und auf der Suche nach einem neuen Lebensstil sind. In dieser Avantgarde wird der monetäre Druck auf den Einzelnen teilweise zu groß.« Viele sehnten sich nach mehr Natur, nach einem natürlichen Lebensumfeld, so Harrach, sie wollten weniger arbeiten, um mehr Zeit für soziales Engagement zu haben. Aber das gehe in den Städten nicht, weil die Mieten so hoch seien. Außerdem wollten sie in eine Gemeinschaft eingebunden sein. »All diese Sehnsüchte können wir hier in Bad Meinberg bedienen und deswegen habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, diese Menschen hierher zu bringen.« Harrachs Wort in Krishnas Ohr – mögen seine Wünsche in Erfüllung gehen.

Ob Bad Meinberg aus seinem Dornröschenschlaf erwacht? Wie wird es hier in zehn Jahren aussehen, sollten Harrachs Pläne Wirklichkeit werden? Das verschlafene Städtchen erscheint mir plötzlich in anderen Farben. Visionen und engagierte Menschen lassen mich in den Brachen Potenziale erkennen. Bad Meinberg ist bereit für einen Neuanfang. Vielleicht werde ich die nächste Neubürgerin, denn es ist doch irgendwie ganz schön hier, oder?

Namaste! Wir sehen uns beim Satsang.